↑ Bruno Neurath-Wilson über die Geschichte seiner Eltern (Spielzeit etwa 4:30 Minuten)

Erste Haft und Kennenlernen

Willi Neurath war ein junger Kommunist, der im Widerstand gegen die Nationalsozialisten in Köln aktiv war. Geboren wurde der gelernte Buchbinder als einer von vier Brüdern 1911 in Erfurt. Zwei seiner Brüder waren ebenfalls Kommunisten, einer Sozialdemokrat.

In einem Hochverratsprozess im Jahr 1935 wurde Willi Neurath zu seiner ersten Haftstrafe, 5 Jahre im Zuchthaus, verurteilt. Diese Strafe saß er zunächst in Siegburg, dann im Sammellager Esterwegen und schließlich in der Haftanstalt in Vechta ab. Hier lernte er auch einen Kameraden, Heinrich Pakullis, kennen. Dieser bat Willi darum, eine Botschaft an seine Frau und seine Stieftochter Eva in Köln zu überbringen.

Eva war die Tochter einer alleinerziehenden Mutter (Sozialistin und Krankenschwester) und eines unbekannten Vaters, der wahrscheinlich russischer Kommunist in Berlin war. Eva war ausgebildete Blumenbinderin, die 1921 in Berlin geboren wurde, ihre Kindheit aber mit ihrer Mutter in deren Heimatstadt Memel (heute Klaipėda in Litauen, bis 1920 die nördlichste Stadt Deutschlands/Ostpreußen).

Später zog Eva mit ihrer Familie nach Köln. Hier überbrachte Willi ihrer Familie auch die Botschaft von Heinrich. Die beiden verliebten sich ineinander und heirateten. Willi arbeitete zu dieser Zeit bereits weiter im Widerstand.

Verhöre im El-De Haus und Haft im KZ Buchenwald

Die beiden verliebten sich ineinander und heirateten. Willi arbeitete zu dieser Zeit bereits weiter im Widerstand. 1943 wird er schließlich wieder verhaftet. In brutalen Verhören und unter Folter im Keller durch die Gestapo im El-De Haus in Köln blieb Willi standhaft und gab die Namen seiner Kameraden nicht preis. Eva stand ihrem Mann in dieser Zeit weiter zur Seite. Die beiden schrieben sich regelmäßig Briefe, auch wenn ein Großteil nie zugestellt wurde.

Wie in der Mitte der vierziger Jahre bereits üblich, wurde Willi nach den Verhören im El-De Haus in ein Konzentrationslager verlegt. So kommt er in das KZ Buchenwald bei Weimar, nahe seinem Geburtsort Erfurt.

Auch hier schaffen es Eva und Willi den Kontakt durch Briefe zu halten – Eva schafft es sogar, ihren Mann im Sommer 1944 im KZ zu besuchen:

In den Konzentrationslagern des Deutschen Reichs gab es keine Besuchsregelungen. Dennoch reiste Eva nach Weimar und stieg zu Fuß mehrfach hoch auf den Ettersberg, um die Wachen des Lagers auszuspähen. So erfuhr sie, dass einer der Wachposten ihre Muttersprache litauisch sprach. So sprach sie ihn auf litauisch an und überzeugte ihn nur mit der Kraft der Worte, sie ins Lager vorzulassen. Über die Kommandatur des Konzentrationslagers schaffte sie es dann tatsächlich, ihren Mann unter Bewachung für etwa eine halbe Stunde persönlich zu sehen.

Verlegung ins KZ Neuengamme und an Bord der Cap Arcona

Im Frühjahr 1945 wurde Willi Neurath in das KZ Neuengamme bei Hamburg verschleppt. Damit verlor Eva endgültig den Kontakt zu ihrem Ehemann und wusste nicht mehr, wo er gefangen gehalten wurde.

Im Frühjahr 1945 wurde auch das KZ Neuengamme evakuiert, um alle Zeugen und Spuren der Lager vor den vorrückenden Truppen der Alliierten zu beseitigen. Als in den Ausweichlagern im Norden Deutschlands nicht mehr genug Platz für die Häftlinge war, beschlagnahmte der zuständige NSDAP-Gauleiter, Karl Kaufmann, zahlreiche Schiffe nahe der Lübecker Bucht.

Darunter auch die SS Cap Arcona, ein riesiger Luxusdampfer und ehemaliges Flaggschiff der „Hamburg-Südamerika-Linie“ der Reederei Hamburg Süd. Das Dampfsschiff mit über 200 Metern Länge war 1927 vom Stapel gelaufen und galt als eines der schönsten Schiffe seiner Zeit.

Es fuhr innerhalb von 14 Tagen mit Luxusreisenden und Auswanderern im Linienverkehr von Hamburg nach Buenos Aires. 1940 wurde es als Kulisse zum Dreh des Propaganda-Spielfilms „Titanic“ verwendet. Nun sollte das Schiff, das inzwischen einen Triebwerkschaden hatte und unter der allgemeinen Treibstoffknappheit litt, als schwimmendes Gefängnis für etwa 7.000 Häftlinge dienen.

Eva Neurath wurde in der Zwischenzeit zur Marine eingezogen und an verschiedenen Standorten als Marinehelferin eingesetzt. Ihre Personalakte war – durch ihre Ehe mit einem verurteilten Kommunisten – mit einem roten Streifen markiert. Er bedeutete „Achtung – politisch unzuverlässig“. Aber einer der Offiziere, offensichtlich kein Nazi, hielt seine Hände schützend über sie. Sie merkte bald, er hatte sich auch in sie verliebt …

An Bord der Cap Arcona vor Neustadt

Mit der Auflösung der Marine wurde Eva schließlich nach Neustadt verlegt und in der U-Boot Schule einquartiert. Wie alle Neustädter sah auch Eva die Schiffe in der offenen See liegen. Es kursierten Gerüchte, dass Verbrecher an Bord der Schiffe waren. Eva hatte jedoch keine Ahnung, dass ihr Ehemann sich an Bord eines der Schiffe befand.

An Bord der Cap Arcona lebte Willi Neurath inzwischen eingepfercht unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Jeden Tag starben unzählige Häftlinge. Einige Rotarmisten wagten einen Ausbruch über die eiskalte Ostsee, wurden jedoch wieder gefangen genommen und noch an Bord erschossen.

Auf einem zweiten Häftlingsschiff, in Sichtweite der Cap Arcona, gelang es den Häftlingen sogar die SS zu entwaffnen und das Schiff in den Hafen von Neustadt zu bringen.

Auch an Bord der Cap Arcona formierte sich ein illegales Häftlingskomitee, zu dem auch Willi Neurath gehörte. Die Häftlinge berieten darüber, was zu tun war und erfuhren sogar durch den zivilen Kapitän des Schiffes vom Tod Hitlers und dem nahenden Kriegsende.

Am Nachmittag des 3. Mai 1945 wurde die Häftlingsflotte um die Cap Arcona von Bombern der Royal Airforce angegriffen. Wie man heute weiß, glaubte die militärische Aufklärung der Alliierten, auf den Schiffen seien ranghohe Nazifunktionäre, die nach Skandinavien fliehen wollten. Durch fehlende Markierungen, wie weiße Flaggen, waren die Schiffe als zivile Ziele nicht kenntlich gemacht.

Auch Eva Neurath beobachtete den Angriff und sah die brennenden Schiffe in der Ostsee. Sie wusste jedoch immer noch nicht, dass sich ihr Mann an Bord eines der Schiffe befand.

Das Zubringerschiff der Cap Arcona „Thielbeck“ sank innerhalb von 15 Minuten nach dem Angriff. Die Cap Arcona sank aufgrund der geringen Wassertiefe nicht, kippte aber brennend auf die Seite. Viele Häftlinge versuchten sich ans Ufer zu retten. Durch eine Wassertemperatur von etwa 8° erfroren viele der durch Hunger und Krankheit ausgezerrten Männer. Viele wurden auch noch im Wasser von den SS Wachen aus den Rettungsbooten heraus erschossen. Von den über 7.000 Häftlingen überlebten nur etwa 350.

Wiedersehen am Morgen des 4.5.45

Willi Neurath war einer von ihnen. Da er nicht schwimmen konnte, blieb er an Bord des brennenden Dampfers und rettete sich in den trockenen Teil an Hinterdeck. Dort wurde er noch am Abend des 3. Mai von britischen Landtruppen befreit.

Er verbrachte die Nacht zum 4. Mai am einem geschütztem Ort am Strand, etwa in einem Gebüsch oder einer kleinen Hütte. Am Morgen des 4. Mai zog es auch Eva an den Strand. Sie konnte sich nie erklären, warum. Schon von weitem sah sie einen Mann, der ihr auf der anderen Seite des Weges entgegen kam. Er war verdreckt, verrußt und verwundet – völlig unkenntlich.

Auch Willi sah die Frau, die ihm entgegen kam bereits aus der Ferne. Er erkannte sie als seine Ehefrau – als sie sich nahe genug sind, spricht er sie mit dem ehelichen Kosenamen „Muppel“ an. Vor Schreck fiel Eva ohnmächtig in den Straßengraben. Aber sie hatten sich wieder.

Der britische Ortskommandant gab Eva und Willi eine große Villa mit Rieddach, die einem früheren hohem Nazi-Offizier gehörte, als Wohnung. Zusammen mit drei anderen Kameraden kümmerte sich Willi Neurath nach Kriegsende um die Bergung der Leichen und die Errichtung eines Mahnmals. Eva und Willi blieben in Neustadt und wurden in der SPD politisch aktiv. 1946 und 1948 kommen ihre Tochter Eva und ihr Sohn Bruno in Neustadt zur Welt.

Wir danken Bruno Neurath-Wilson dafür, dass er die Geschichte seiner Eltern mit uns teilte und für seine Unterstützung bei unseren Recherchen und Dreharbeiten.

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©2017 Sebastian Kentzler und Tatjana Krause

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